#likes4democracy
Das Projekt #Likes4Democracy ist ein innovativer Film- und Theaterworkshop, der sich an Schüler*innen im Alter von 14 bis 16 Jahren richtet. Ziel ist es, junge Menschen für einen verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien zu sensibilisieren und sie zu befähigen, demokratische Werte aktiv in der digitalen Welt zu vertreten.
Die Projektkoordination im Interview
Was ist die zentrale Idee hinter „#Likes4Democracy“ – und warum ist Social Media für die Demokratie so wichtig geworden?
Nina: Wir wollen mit den TN in einen kreativen Diskurs über das was sie in unserer Demokratie bewegt und was sie dazu gerne auf den sozialen Medien posten würden einsteigen. Wir möchten gerne erfahren, wie sie die aktuellen Entwicklungen sehen und wahrnehmen und wie sie damit umgehen? Wir möchten Begegnungsräume schaffen und positiven Content kreieren.
Tobias: Social Media bringt Vor- und Nachteile. Zum einen sind junge Menschen von heute weitaus informierter und kompetenter (z.B. Englisch hören und sprechen), als uns das so in früheren Jahrgängen möglich war. Zum andern wirken Kinder und Jugendliche auf mich stärker betroffen von einer gewaltigen Informationsflut, die auch stärker zu Isolation, Verwirrung, Desorientierung, Abstumpfung und Schlimmerem führen kann. Auf der Grundlage, was Medien sind, und wie sie sich verändert haben, gilt es in meinen Augen, demokratische Kompetenzen zu fördern, indem wir sie neu erfinden und zeigen. Demokratie muss gelebt werden, umso mehr ergibt sie sich aus ihrem Prozess. Wir bieten mit unserem Aktivierungsangebot eine angemessene Antwort auf die gesellschaftliche Situation Jugendlicher.
Mathias: In den Workshops möchten wir die Teilnehmenden für einen bewussten Umgang mit sozialen Medien sensibilisieren und sie motivieren, demokratische Werte in der digitalen Welt aktiv zu vertreten. Dabei möchten wir mit Methoden der ästhetischen Bildung – mit film- und theaterpädagogischen Ansätzen – nicht nur eine sachliche Auseinandersetzung, sondern einen emotional-sinnlichen Zugang zum Thema schaffen. Indem sich auf diese Weise mit Themen wie Hass und Hetze, Fake News, Cybermobbing sowie den manipulativen Mechanismen von Algorithmen auseinandergesetzt wird, kann kritisches Denken und Selbstbewusstsein gefördert werden.
Wie erleben die Schüler*innen die Auseinandersetzung mit algorithmischen Mechanismen, Fake News oder Filterblasen? Gibt es dazu Studien?
Nina: Ich lese mich aktuell ein in die Themen, bin aber noch nicht soweit, dass ich dazu Studien zitieren könnte….
Tobias: Mir ist die JIM Studie bekannt, die seit 1998 läuft, und die DAK/ UKE Studie zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen (Suchtprobleme und zunehmend kritische Haltung gegenüber Medien unter Jugendlichen), die zuletzt in der Medienberichterstattung vielfach wiedergegeben wurde. Ich beobachte in meinem Alltag Suchtverhalten am Handy bei jüngeren Menschen, öfter aber auch bei Erwachsenen. Als nächstes würde ich entsprechende Studien zum Nutzungsverhalten Erwachsener abgleichen. Ich empfinde es als ungerechtfertigt, allein den Jugendlichen und Kindern ein Abgleiten in ein ungesundes Mediennutzungsverhalten zu unterstellen. Mich interessiert vielmehr der Austausch unterschiedlicher Perspektiven durch alle Altersgruppen hinweg, und ich denke, wir bewegen uns mit dem Thema Medien und Demokratie in einem gesamtgesellschaftlichen Emanzipationsprozess, in dem heute für die Zukunft aller sehr viel auf dem Spiel steht.
Welche kreativen Methoden setzt ihr ein, damit die Jugendlichen ihre eigenen Clips entwickeln und gleichzeitig kritisch reflektieren können?
Nina: Wir geben erstmal einen Raum um sich kennen zu lernen, um sich auszutauschen über aktuelle Erfahrungen im Bereich soziale Medien, aber auch über Wünsche, wie es sein könnte sind elementar. Denn da soll es hingehen, eine gemeinsame positive Vision zu entwickeln von einer medialen Welt, die Menschenrechte wahrt, nicht diskriminiert und keine Ängste oder Hass schürt.
Tobias: Zunächst gehen wir im Rahmen der Projektstruktur mit der Gruppe in einen anfänglichen Orientierungsprozess und halten dabei wesentliche Bedürfnisse, Inhalte und Ideen fest. Diese Ideen werden von den TN mit unserer Unterstützung und in gemeinsamer Arbeitsorganisation weiter entwickelt, so dass wir am Ende demokratische Mehrwerte in Form von kurzen Filmen oder Videoclips zeigen können. Dabei kann eine Vielzahl von Methoden angewendet werden, die sich nach den Bedürfnissen und Grenzen der TN richten.
Viele junge Menschen sind täglich online aktiv. Wie schafft das Projekt den Transfer von digitalem Alltag hin zu politischer Mitgestaltung?
Nina: Da sie hier ihren eigenen Content selbst gestalten, sind sie selbst aktiv und machen etwas in der analogen für die digitale Welt und konsumieren diesen nicht „nur“. Das kann schon der erste Schritt in eine aktive, partizipative Richtung sein. Wir verbinden das mit Aufklärung und Informationsmaterialien.
Tobias: Politik findet digital statt, Digitalität ist alltäglich – unter dieser Hypothese löst sich der Abstand zwischen Bildschirm und Realität gerade ja eher zunehmend auf, als dass er sich vergrößert; etwa indem man Links zu Petitionen teilt, die man online unterzeichnen kann; oder Personen auf social media folgt, die z.B. kommunalpolitisch aktiv sind; auch wenn es nur um einzelne Likes geht, muss man sich heute bewusst sein, dass man sich damit dort oder dort ins Gewicht legt und einen Einfluss hat auf den Lauf der Welt. Und das ist jungen Menschen heute oft eher bewusst, als Erwachsenen. Ich erlebe junge Menschen ebenso häufig als politisch außerordentlich bewusst, und gerade bei ihnen die Bereitschaft und das Vermögen als besonders hoch, dem allgemeinen Frust und der Politikverdrossenheit etwas entgegen setzen zu können. Es braucht Projekte wie unseres, um diesen Potentialen überhaupt erst Raum zur Entfaltung anbieten zu können.
Inwiefern bereichert die Kooperation mit dem Filmmuseum die Projektarbeit – sowohl technisch als auch inhaltlich?
Nina: Erst mal mit viel Kompetenz und Erfahrungsaustausch und einer sehr produktiven Zusammenarbeit, innerhalb der Vorbereitung und Planung. Und mit viel gemeinsamer Vorfreude auf das gemeinsame Tun in der Durchführung.
Tobias: Da es um eine schauspielerisch-mediale Zielsetzung geht, profitieren nicht nur wir als Team von einer professionellen Arbeitsteilung; sondern alle Beteiligten profitieren von einer soliden Grundlage, die in Prozess wie Ergebnis höchste Qualität verspricht.
Welche Wirkung wünschst du dir für die teilnehmenden Schüler*innen – und vielleicht auch für unsere demokratische Kultur insgesamt?
Tobias: Da ich immer viel Wert darauf lege, mit einer partizipativen Herangehensweise zu arbeiten, wünsche ich mir für die einzelnen Persönlichkeiten natürlich eine nachhaltige Aktivierung und eine Stärkung des Selbstbewusstseins; das kann zu vielem Führen – als unmittelbares Ergebnis für die Teilnehmenden wäre für mich das Minimum, sich besser orientiert zu fühlen, als auch sich selbstverständlicher in Gruppenprozesse begeben und sich besser über ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen ausdrücken zu können.
Mathias: Dass sich die Schüler*innen mit einer bewussten Haltung in den sozialen Medien bewegen, dass sie erkennen, welche Folgen ihre Kommunikation im Netz durch die Algorithmen – die negative Emotionen oft verstärken – haben kann und dass sie negativen und demokratiefeindlichen Tendenzen souverän begegnen und selbstbewusst entgegentreten können. Wenn junge Menschen diese Haltung zu sozialen Medien einnehmen, ist viel gewonnen für unsere demokratische Kultur insgesamt.